Es gab eine Zeit, in der die Einheit der Beatles in Gefahr zu sein schien und eine Pause kurz bevorstand. Nein, es war nicht 1969, als John mit Yoko im siebten Himmel war, und es war auch nicht 1968, als die Beatles von der Indien-Reise zurückkamen und ihren "ersten" Streit hatten, der Ringo veranlasste, das Studio zu verlassen, nur um zurückzukehren, um sein Schlagzeug bei der Rückkehr voller Blumen, dekoriert von George, vorzufinden. Es geschah zu unerwarteten Zeiten, als die Beatles nicht berühmt waren und sie nicht einmal in der Form waren, wie wir sie heute kennen. Es geschah 1961, als John und Paul heimlich nach Paris abhauten und ihre Freunde alleine und erstaunt zurückliessen und Stuart glauben machten, sie hätten die Band aufgelöst und seien gegangen.

«Letzte Nacht habe ich gehört, dass John und Paul nach Paris gegangen sind, um zusammen zu spielen – in anderen Worten, die Band hat sich aufgelöst. Es klingt verrückt, ich kann es nicht glauben…»
—Stuart Sutcliffe, 1961 –  The Anthology.

George und Pete waren so angewidert, dass sie im Stich gelassen worden waren, dass beide begannen, sich nach anderen Bands umzusehen, denen sie beitreten konnten. In der Zwischenzeit war Stuart Sutcliffe in Hamburg und erzählte Astrid Kirchherr und mehreren anderen Leuten, dass die Beatles sich getrennt hätten. Die plötzliche Entscheidung von John und Paul, in der Mitte einer Tour nach Paris zu gehen, hat ihre Freunde und Bandkollegen sicherlich geschockt und enttäuscht.

Aber warum haben sie beschlossen, alles liegen zu lassen, während die Band am Wachsen war und nach Paris zu abzuhauen?


Alles begann, als John, bevor er 21 wurde, von seiner Tante Elizabeth in Edinburgh das grossartige Geschenk von £100 erhielt, was für diese Zeit eine enorme Summe war. Und so beschloss er spontan, das ganze Geld auszugeben, indem er nach Paris ging. Und wen hat er sich als Reisepartner ausgesucht? Paul.

«Paul hat mir zur Feier des Tages einen Hamburger gekauft. Ich wollte nicht unbedingt einundzwanzig werden. Ich erinnere mich an einen Verwandten, der zu mir gesagt hat: "Ab jetzt geht es nur noch bergab." Sie erzählte mir, wie meine Haut älter werden würde und all diese Dinge.» – John Lennon, The Anthology.

George und Pete waren natürlich sehr verletzt, allein gelassen zu werden. Im Hunter Davies-Buch "The Beatles: The Authorized Biography" erklärte John den Grund ihrer Reise:

«Wir hatten alles satt. Wir hatten zwar Buchungen, aber wir haben sie einfach abgesagt und sind abgereist.»

Es ist nicht sicher, ob sowohl John als auch Paul Streitigkeiten oder Diskussionen mit Stuart, Pete und George hatten oder ob die verschiedenen Konzerte sie erschöpft haben und sie beschlossen, eine Pause einzulegen, indem sie gemeinsam Urlaub machten. Sicher ist, dass die Entscheidung nicht geplant war, sondern von John vorgeschlagen wurde und der sofort von Paul unterstützt wurde. Für einen kurzen Moment beschlossen beide, Musik und Gitarren zu verlassen, um gemeinsam nach Paris zu fahren. Paul gab John einen Tipp, den er von einer früheren Reise mit George gelernt hatte, dass das Tragen von unverwechselbaren Kleidungsstücken oder Kopfbedeckungen der sicherste Weg war, um von jemandem mitgenommen zu werden. Dementsprechend zogen die beiden einfach zusammen los und trugen dazu passende Melonenhüte.

Ihre ursprüngliche Idee war jedoch nicht, in die französische Hauptstadt zu fahren, sondern per Anhalter von England nach Spanien zu fahren. Nachdem Paul und John den Kanal mit der Dover-Calais-Fähre überquert hatten, beschlossen sie, mit dem Zug nach Paris zu fahren.

«Wir waren noch nie dort. Wir waren etwas müde und checkten für die Nacht in ein kleines Hotel ein, um am nächsten Morgen per Anhalter weiterzufahren. Natürlich war es zu schön, ein Bett zu haben, nachdem wir bereits per Anhalter gekommen waren, also sagten wir: "Wir werden ein bisschen länger bleiben". Dann dachten wir: "Gott, bis Spanien ist ein langer Weg und wir müssten arbeiten, um dorthin zu gelangen." Wir blieben die Woche in Paris - John finanzierte alles mit seinen hundert Pfund. […] Wir liefen von unserem Hotel aus kilometerweit; das macht man in Paris.» – Paul McCartney, The Anthology

Für die Briten war die französische Hauptstadt immer schon die Welthauptstadt von Sex, so schien es ihnen auch nach ihrer Hamburger Erfahrung noch. Mit schlechten Französischkenntnissen - überraschend für die zukünftigen Komponisten von «Michelle» - haben sie sich irgendwann mit Prostituierten angefreundet und waren sehr gespannt darauf, "une chambre pour la nuit" (ein Zimmer für eine Nacht) angeboten zu bekommen.Aber „une chambre“ (ein Zimmer) war dann auch wirklich alles, was geboten wurde.

Der Raum, den sie bekamen, war nicht grossartig, aber für zwei Teenager war es gut genug, um dort zu bleiben. Sie mussten zusammen in einem kleinen Bett schlafen. Die Bilder, welche Paul während der Reise machte, zeigen ein intimes Porträt von John: im Bett liegend, mit einem französischen Melonenhut auf und erstaunlich ruhig und unschuldig aussehend

Ein anderes repräsentatives Foto dieser Reise ist von Paul, der auf dem WC sitzt, mit derselben Melone auf dem Kopf, und vorgibt eine französische Zeitung zu lesen. Lustige, süsse Fotos, welche zwei Träumer abbilden, die in die Französische Hauptstadt gingen und darauf hofften eines Tages grosse Stars zu werden.

Sie haben die Idee nach Spanien weiterzureisen vollkommen aufgegeben, als sie einen ihrer Freunde aus Hamburg, Jürgen Vollmer, in Paris antrafen, welcher dort Fotografie studierte. Jürgen führte sie durch Paris. Er zeigte ihnen die Oper, wo sie herumtanzten und Pseudo-Arien sangen und nahm sie mit zu Flohmärkten, wo sie ihr erstes Paar Schlaghosen kauften.

«Jürgen hatte auch Schlaghosen.» Sagt John in der Anthology «Aber wir dachten, dass wir damit in Liverpool als zu tuntig gelten würden. Wie wollten nicht als zu feminin oder so ähnlich rüberkommen, da unser Publikum in Liverpool noch immer sehr viele Typen beinhaltete. Wir spielten Rock, in Leder gekleidet, obwohl Pauls Balladen mehr und mehr Mädchen ins Publikum lockten.»

Eines Abends gingen sie zu einem Konzert, das von Frankreichs einzigem Rock'n'Roll-Star, Johnny Hallyday, gespielt wurde. Sie bezahlten je unglaubliche sieben Schilling und sechs Pence für die Sitzplätze im L'Olympia-Theatre. Ein klein wenig träumend, dass sie selbst bald dort die Headliner sein würden.

Während sie mit Jürgen in Paris waren, stellten John und Paul fest, dass jeder coole junge Franzose die Haare in der nach vorne gekämmten Frisur zu haben schien, welche Astrid Kirchherr in Hamburg Stuart Sutcliffe bereits geschnitten hatte und die sie zuvor verspottet hatten. Jürgen hatte auch eine solche und war mit der Friseurschere so handlich wie Astrid. Stu hatte bereits in seinen letzten Tagen mit dem neuen Stil experimentiert, und je mehr sie sich Jürgen anschauten, desto mehr reizte sie sein avantgardistischer Stil. Eines Tages baten sie ihn in seinem Zimmer im Hotel de Beaune, ihre Teddy-Stirnlocke abzuschneiden. Es war nur eine Vorläuferversion von dem, was später der Beatle-Schnitt werden würde, aber es verwandelte ihre Gesichter und machte Johns provozierender und spöttischer, Pauls aber noch runder, babyhafter und unschuldiger.

Sie verbrachten den Rest der Tage damit, durch Kunstcafés zu wandern, in Museen zu gehen und die lokale Musikszene zu entdecken. Als sie kein Geld mehr hatten, kamen sie zurück nach Liverpool, um George Harrison und Pete Best vor zu finden, welche bereit waren, die Band zu verlassen.

Trotz der Tatsache, dass es wie eine billige, nicht magische Reise aussehen könnte, ist die Paris-Reise für Paul eine schöne Erinnerung:

«Wir würden in die Nähe der Avenue des Anglais gehen und gutaussehend in den Bars sitzen. Ich habe noch einige klassische Fotos von dort. Linda liebt eines, auf dem ich mit einen Regenmantel als Umhang herumsitze, und John hat eine Brille auf dem Kopf und seine Hose so weit nach unten gezogen, dass ein Stück der Unterhose zu sehen ist. Die Fotos sind so wunderschön, weil wir es richtig übertreiben. Wir schauen in die Kamera als würden wir sagen wollen: "Hey, wir sind künstlerische Typen in einem Café: Das sind wir in Paris", und wir fühlten uns auch so.» – The Anthology

Jahre später würden John und Paul nach Paris zurückkehren. In 1964 spielten die Beatles ein Konzert im Olympia Theater. Dasselbe Theater in dem John und Paul drei Jahre zuvor ein Rock’n’Roll Konzert besuchten und davon träumten, irgendwann selber auf dieser Bühne stehen zu können. Diesmal wurde dieser Traum zur Realität. Paul erinnerte sich an dieses Konzert als eines, das mit seiner Reise verbunden war, die er einige Jahre zuvor mit John unternommen hatte:

Paul during his trip to Paris in 1966

«[…] Und ich und John waren vorher zu einem besonderen Besuch in Paris gewesen, also war es eine schöne Rückkehr nach Paris, welches wir immer geliebt haben.»– Paul McCartney während einem Interview im französischen Fernsehen in 2007.

Beide kehrten im September 1966 nach Paris zurück: tatsächlich war es genau fünf Jahre nachdem ihre berühmte Reise stattgefunden hatte. John machte eine Pause von den Dreharbeiten zu «How I won the war» (Wie ich den Krieg gewann) um Paul in Paris zu treffen. Diesmal waren sie nicht mit der Band als die Beatles dort, sondern nur sie beide als Widerspiegelung der schönen Tage, die sie in der französischen Hauptstadt verbracht hatten. Der Unterschied war, dass sie dies nun nicht mehr konnten, da sie nun die grössten Stars der Welt waren. Paul entschied sich ein wenig zu verkleiden ‘disguise’und mit einem falschen Schnauzer und einer Brille war er kaum noch wiederzuerkennen. Tatsächlich funktionierte es sehr gut, bis John dazu kam. Dann begannen die Menschen um sie herum zu bemerken, dass sie Lennon und McCartney von den Beatles waren. Diesmal waren die freien, abenteuerlichen Spaziergänge in der Stadt nicht so einfach durchzuführen. Sie rannten davon und flohen in den nächsten sicheren Ort.

„Es war ein Echo der Reise, die John und ich zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag nach Paris unternommen haben. Sie messen dich und passen die Farbe an die deines echten Haares an, so dass es wie ein echter Schnauzer mit echtem Kleber war. Und ich hatte ein paar Brillen mit klaren Gläsern, was mich ein bisschen anders aussehen liess. Ich zog einen langen blauen Mantel an und strich mir mit Vaseline die Haare zurück. Ich ging einfach umher und natürlich erkannte mich niemand. Es war gut, es war ziemlich befreiend für mich. “ – Paul McCartney, Barry Miles “Many years from now”

Diese geliebte Reise inspirierte Paul dazu, ein Lied über die Tage zu schreiben, als er und John glücklich durch Paris wanderten. Das Lied “Café on the Left Bank” von seinem 1978 Album “London Town” beinhaltet Erinnerungen an diese Reise.

Café on the left bank, ordinary wine (Kaffee auf der linken Uferseite, gewöhnlicher Wein)
Touching all the girls with your eyes (Berühre alle Mädchen mit deinen Augen)
Tiny crowd of Frenchmen ‘round a TV shop (Kleine Menge von Franzosen um einen TV Laden)
Watching Charles De Gaulle make a speech (Beobachten wie Charles de Gaulle eine Rede halt)

Dancing after midnight, sprawling to the car (Tanzen nach Mitternacht, zum Auto kriechen)
Continental breakfast in the bar (kontinentales Frühstück in der Bar)
English speaking people drinking German beer (Englisch sprechende Leute trinken deutsches Bier)
Talking far too loud for their ears (sprechen viel zu laut für ihre Ohren)

Café on the left bank, ordinary wine (Kaffee auf der linken Uferseite, gewöhnlicher Wein)
Touching all the girls with your eyes (Berühre alle Mädchen mit deinen Augen)

Dancing after midnight, crawling to the car (Tanzen nach Mitternacht, zum Auto kriechen)
Cocktail waiters waiting in the bar (Cocktail Kellner warten in der Bar)
English speaking people drinking German beer (Englisch sprechende Leute trinken deutsches Bier)
Talking way too loud for their ears (Sprechen viel zu laut für ihre Ohren)

Wie „Penny Lane und „London Town" handelt der Song von Beobachtung, diesmal von Menschen in Paris. In der ersten Strophe beschreibt Paul ein Kaffee am linken Ufer der Seine, in dem er Menschen beim Trinken von Wein beobachtet und Männer sieht, die Frauen beobachten. In der zweiten Strophe lenkt McCartney seine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Franzosen, die Charles de Gaulle im Fernsehen beobachten. Bridge eins versetzt die Szene zu Menschen, die nach Mitternacht tanzen und Betrunkene, die zu Autos kriechen. Glücklicherweise erwartet Sie am nächsten Tag ein kontinentales Frühstück in der Bar. In der letzten Strophe beschreibt der Sänger eine laute, ausgelassene Gruppe Engländer, die Bier trinken. Das Lied ist ein Puzzle von Erinnerungen, welche beim Schreiben vor Pauls Augen auftauchten, und es könnten tatsächlich seine Erinnerung an die Paris-Reise mit John sein.

Diese Reise war auch für John eine schöne Erinnerung: in diesem Interview aus 1980 spricht John darüber:

In diesem Interview erwähnt Paul den Fakt, dass sie zusammen in einem Bett schliefen:

In 1998 machte McCartney ein Interview für das französische Fernsehen. Er diskutierte sein Lied «The End of the End”, in welchem er zum ersten Mal über seinen eigenen Tod schrieb. Was als schockierender und enthüllender Song wirken könnte, ist tatsächlich einer seiner mystischsten, aufrichtigsten und emotionalsten Lieder – «eine Reise zu einem viel besseren Ort».Für Paul widerspiegelt der Song das Ende von Ende (The End of the End)und als der Journalist ihn fragt «Du meinst einen besseren Ort als England?»,lacht Paul und antwortet: «Es ist eine Reise nach Frankreich, oder Spanien durch Frankreich. Paris ist ein viel besserer Ort.» Die Antwort scheint vage, aber für die, die Paul, sein Leben und das, was er wertschätzt, kennen, muss vertraut sein und widerspiegelt die Reise, welche er mit John nach Paris unternahm.

 

Paul wusste genau, worüber er sprach, und er wusste auch, dass der Journalist nicht fähig sein würde, die wahre Bedeutung hinter seiner Antwort zu verstehen. Es war eine unerwartete Antwort, welche nur von ein paar Neugierigen gemerkt wurde.

Sowohl John als auch Paul haben sich immer mit besonderer Wärme an die Reise nach Paris erinnert, und was den meisten als eine der vielen abenteuerlichen Reisen erscheint, die sie jemals unternommen haben, wurde zu einer bedeutenden Wendepunktreise, die John und Paul mehr denn je verband. Es war eine Reise, an die sie sich ihr ganzes Leben lang erinnerten und die sie vermissten - Vielleicht war es, dass das Gefühl der Freiheit mit ihrem Ruhm nachliess, vielleicht waren es die frühen Teenagerjahre, die sie sowohl musikalisch als auch mental prägten, ein einzigartiger Moment, von dem beide wussten, dass er niemals zurückkehren würde. Was ausgedrückt wurde, ist, dass ihnen keine andere Reise so wichtig war wie diese, und sie würden sie später in ihrem Leben sehr vermissen.

«Nach einem späten Mittagessen begann Linda darüber zu sprechen, wie toll das Leben in England sei Als sie fertig war, wandte sie sich an John und fragte "Vermisst du England nicht?". "Ehrlich gesagt," antwortete John, "ich vermisse Paris."» – May Pang, Loving John. May Pang, Loving John.

Bevor Paul die Bühne betritt, unterhält er das Publikum mit Fotos von ihm aus seiner 50-jährigen Musikkarriere, wobei er Bilder von privaten Momenten hinzufügt, die er mit seiner Familie und seinen Freunden teilte. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Fotos, die er während ihrer Reise nach Paris von John gemacht hatte. Eines davon zeigt John, wie er ruhig im Bett schläft: ein Bild, dass leise und unvorbereitet gemacht wurde. Ein kostbarer Moment, den Paul in seinem Herzen trägt.

Heute hängt dieses Foto an einer Wand in Pauls Haus. Übersetzung von Regina

 

Photo taken by Paul

 

 

 

 

 

 

 

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